Publikation Buchrezension: »Die Pariser Commune« von Louise Michel

Eine Rezension zum 150. Jahrestag der Pariser Commune von Jonas Engelmann

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Buchcover Louise Michel: Die Pariser Commune (Mandelbaum Verlag 2020)

Louise Michel: Die Pariser Commune. Eine Rezension von Jonas Engelmann

»Die Sturmglocken läuten in voller Lautstärke, es herrscht Ausnahmezustand in Paris«, hat Louise Michel über das Ende der Pariser Commune festgehalten. »Alle Ereignisse jener Tage legen sich übereinander wie Schichten, als hätte man in wenigen Tagen tausend Jahre durchlebt.« Die Ereignisse der zwei Monaten des Jahres 1871, die das sozialistische Experiment der Pariser Commune währte, kulminierten im Mai in dem von Michel beschriebenen Ausnahmezustand und der blutigen Niederschlagung der Kommunarden. Ganz vorne auf den Barrikaden mit dabei: Die 40-jährige Lehrerin Michel, deren Aufzeichnungen über diesen „Ausnahmezustand“, die Vorgeschichte, politischen Inhalte, die Zerschlagung und das Nachleben der Pariser Commune nun zum 150. Jahrestag erstmals vollständig ins Deutsche übersetzt worden sind.

Michel hatte 24 Jahre nach dem Ende der Commune im Londoner Exil auf Basis von Dokumenten, Briefen und ihren Erinnerungen diese prägenden Jahre mit viel Pathos rekonstruiert, um, wie die Übersetzerin Veronika Berger im Vorwort festhält, die Kämpferinnen und Kämpfer der Commune und vor allem die Toten zu würdigen, „damit Gerechtigkeit geschehen kann“.

„Das Erwachen“ ist das erste Kapitel betitelt, „Frankreich schien tot in dieser Nacht des Entsetzens“, heißt es dort, eine lange währende Nacht, die das Ende der Herrschaft von Napoleon III. einläutete: „Aber immer dann, wenn Nationen gleichsam wie im Grab schlafen, regt sich im Geheimen das Leben“. Aus diesen zunächst zaghaften Regungen entwickelte sich 1871 unter dem Eindruck des Deutsch-Französischen Kriegs und der Gefangennahme Napoleons durch die Deutschen das Experiment der Pariser Commune, das bis heute Bezugspunkt linker Utopien geblieben ist.

Zum politischen Programm der der durch eine Gemeinderatswahl im März 1871 legitimierten Selbstverwaltung der Stadt Paris gehörte unter anderem ein kostenloses Bildungssystem für alle, die Trennung von Kirche und Staat, der Erlass von fälligen Mieten, die Kollektivierung von Fabriken und die rechtliche Gleichstellung der Frau. Nicht nur rechtlich, auch im bewaffneten Kampf war die Commune geprägt von der Gleichstellung der Frau, unter den 30.000 Opfern des „blutige Meilensteins“ der Epoche waren auch zahlreiche Kommunardinnen, die sich den anrückenden französischen Regierungstruppen in den Weg gestellt hatten. Viele weitere wurden verhaftet und, wie auch Louise Michel, in die Verbannung geschickt. Doch ihre autobiografischen Aufzeichnungen sind von der Hoffnung geprägt, dass die politischen Ideale der Pariser Commune weiter leben werden: „Die Idee ist nicht verloren. Andere werden sie aufgreifen und sie größer machen. Schon verbreitet sich das Wort Humanität in die ganze Welt.“

Louise Michel: Die Pariser Commune. Aus dem Französischen von Veronika Berger. Wien: Mandelbaum Verlag 2020, 416 S., 28 Euro